Geplantes deutsch-französisches Kampfflugzeug – Rüstungsvorhaben mit grossem Risiko?

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von Björn Müller (Facebook / Twitter). Er ist Journalist in Berlin mit dem Schwerpunkt Sicherheits- und Geopolitik. Dieser Artikel basiert auf dem Manuskript der NDR-Sendung “Streitkräfte und Strategien” vom 03.06.2017 — der dazugehörige Podcast befindet sich hier.

Konzept-Zeichnung eines deutschen Tornado-Nachfolgers (Future Combat Air System) von Airbus.

Konzept-Zeichnung eines deutschen Tornado-Nachfolgers (Future Combat Air System) von Airbus.

Es wäre das Mega-Rüstungsprojekt in Europa für die kommenden Jahrzehnte: Deutschland und Frankreich wollen gemeinsam einen neuen Kampfjet entwickeln. Weitere europäische Länder sollen als Partner gewonnen werden. Einsatzbereit soll das Kampfflugzeug zu Beginn der 2040er Jahre sein. Erste Expertenschätzungen rechnen mit Entwicklungskosten von bis zu 80 Milliarden Euro. Angekündigt wurde das Vorhaben beim deutsch-französischen Ministerrat Mitte Juli in Paris. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron damals auf der Pressekonferenz:

Unser Wunsch ist es, eine neue Generation von Kampfflugzeugen zu entwickeln. Warum? Weil diese Projekte sehr aufwendig sind, somit schwer sind für die Streitkräfte unserer Länder, für unsere beiden Regierungen – und weil der Kampfjet exportierbar sein muss. Bis jetzt gibt es zu viele europäische Standards und Qualifikationen. Und manchmal gibt es eine europäische Konkurrenz auf dem internationalen Markt.

Ein unter deutsch-französischer Führung entwickelter “EU-Kampfjet” als Exportschlager – ein ambitioniertes Projekt. Claudia Major, Expertin für Europas Sicherheitspolitik an der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin, warnt vor Euphorie:

Inwieweit unterliegen gemeinsam gebaute Projekte den deutschen Rüstungsexportrichtlinien und inwiefern ist das ein Hinderungsgrund für Exporte? Das ist ein Thema, an dem sich auch andere deutsch-französische Industrieprojekte immer wieder reiben; beispielsweise auch die Idee eines deutsch-französischen Kampfpanzers, das KANT-Projekt.

Gerade ein erfolgreicher Export wäre aber essenziell für den angestrebten High-Tech-Kampfjet, denn das Vorhaben will vor allem die Dominanz der USA bei der Luftwaffen-Rüstung brechen. Mit der Lockheed Martin F-35 Lightning II haben die Amerikaner einen Kampfjet der sogenannten 5. Generation kurz vor der Einsatzreife. Die F-35 ist quasi ein Roboter mit Pilot an Bord. Die Computertechnologie des Kampfflugzeuges kann feindliche Objekte über weite Entfernungen erkennen und den Waffeneinsatz über ein Netzwerk mit anderen Einheiten zu Luft, Land und Wasser abstimmen.

Die Deutsche Bundeswehr soll bis 2030 neue Kampfpanzer bekommen. Bis dahin bleibt Leopard 2 im Einsatz. Die neuste modernisierte Version hat die Bezeichnung “Leopard 2 A7“.

Die Europäer haben diese Entwicklung verschlafen; nur Kampfjets der 4. Generation wie der Eurofighter werden in Europa hergestellt. Die deutsch-französische Neuentwicklung soll dies ändern. Frankreichs Luftwaffenchef General André Lanata hat bei einer Anhörung vor dem Verteidigungsausschuss des französischen Parlaments Ende Juli auf dieses Problem hingewiesen. Wörtlich sagte er damals:

Gegner und Partner modernisieren ihre Luftwaffen zügiger. Die F-35 — ein Tarnkappenjet der neuesten Generation, der gerade in den Dienst mehrerer europäischer Luftwaffen übernommen wird, aber auch durch die australische Luftwaffe — zeigt die Gefahr, deklassiert zu werden. Die F-35 wird in weniger als fünf Jahren der neue Referenz-Standard sein, um an anspruchsvollen Militäroperationen teilzunehmen.

Nun wollen Franzosen und Deutsche mit einem eigenen High-Tech-Jet der 6. Generation die US-Dominanz kontern. Dieser Kurs der eigenen Stärke ist zudem ein Signal an Grossbritannien, meint Claudia Major:

Und damit ist die Entscheidung für dieses europäische, deutsch-französische Projekt eine kleine Absage an London, weil man nämlich sagt: aber seht mal hier; in der Europäischen Union, da werden die Zukunftsentscheidungen im industriellen Bereich beschlossen.

Allerdings scheinen die Franzosen ziemlich auf der Linie der Briten zu liegen, wenn es um militärische Konzepte geht, die aus ihrer Sicht sicherstellen sollen, dass die Luftwaffe auch in Zukunft modern und erfolgreich ist. So vereinbarten Paris und London erst im vergangenen Jahr für ihre Luftstreitkräfte bis 2030 gemeinsam ein sogenanntes Future Combat Air System zu entwickeln. Konkret geht es um eine Mehrzweck-Kampfdrohne; einsetzbar beispielsweise als strategischer Bomber, aber auch für den Luftkampf.

Konzept-Zeichnung von Dassault Aviation über das zukünftige französisch-britische Future Combat Air System. Es basiert auf Neuron von Dassault Aviation und der Taranis BAE Systems.

Konzept-Zeichnung von Dassault Aviation über das zukünftige französisch-britische Future Combat Air System. Es basiert auf Neuron von Dassault Aviation und der Taranis BAE Systems.

Deutschland hat ebenfalls ein Rüstungsprojekt gleichen Namens aufgelegt. Das deutsche Future Combat Air System-Konzept hat jedoch eine andere Stossrichtung. Hier steht ein bemanntes High-Tech-Kommando-Flugzeug im Mittelpunkt, das einen Verbund aus Kampfjets und Drohnen dirigieren soll.

Die Vorstellungen in den europäischen Luftstreitkräften sind also durchaus unterschiedlich. Wie realistisch ist vor diesem Hintergrund das von Macron und Merkel angekündigte gemeinsame Kampfflugzeug? Markus Kerber, Experte für Rüstungswirtschaft an der Technischen Universität Berlin, sieht die Erfolgsaussichten der deutsch-französischen Kampfjet-Kooperation skeptisch:

Die Einsatzwünsche steuern natürlich die technischen Anforderungen. Und diesbezüglich kann es in Deutschland und Frankreich zu erheblichen Divergenzen kommen. Die gab es auch in der Vergangenheit bei sehr viel einfacheren Projekten, wie beispielsweise bei dem gepanzerten Transportfahrzeug. Da hat man nach drei Jahren gemerkt, man kommt nicht zusammen. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass dieses gross angekündigte Projekt eines gemeinsamen Kampfjets relativ schnell, unüberbrückbare konzeptionelle Divergenzen zwischen Deutschland und Frankreich hervorbringen wird.

Frankreich und Deutschland hatten Anfang der 1990er Jahre einen gemeinsamen Truppentransporter für Landstreitkräfte geplant. Mit Blick auf ihre häufigen Militärinterventionen in Afrika war den Franzosen eine mobile und kampfstarke Variante wichtiger als die Panzerung, auf die wiederum das deutsche Militär grossen Wert legte. Am Ende produzierte jedes Land ein eigenes Fahrzeug. Auch beim angestrebten Kampfjet wird es schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Anspruch der französischen Militär-Doktrin ist es, als unabhängige Militärmacht handeln zu können. Dafür besitzt das Land weiterhin einen Flugzeugträger und es braucht Kampfflugzeuge, um den Träger nutzen zu können. Die Bundeswehr dagegen schliesst aus, allein und ohne Verbündete in einen militärischen Konflikt einzugreifen. Auslandseinsätze der deutschen Streitkräfte haben immer einen multinationalen Charakter.

Die Zusammenarbeit zwischen zwei so ungleichen Partnern ist naturgemäss schwierig. Statt auf komplizierte Prestigeprojekte zu setzen, sollte die Politik einen anderen Ansatz wählen, sagt der Rüstungsexperte Markus Kerber:

Ich glaube, dass in dem gesamten Projekt “Kampfjet” viel Fantasie, auch zuviel fromme Wünsche stecken. Wir müssen erstmal unsere Hausaufgaben machen bei Produkten, die sehr viel naheliegender sind. Warum man in Deutschland nicht zusammen mit Frankreich Versorgungsschiffe für die Marine vereinheitlicht, ist für mich ein ungelöstes Rätsel. Wir schaffen es momentan zwischen Deutschland und Frankreich nicht einmal, kleine taktische Drohnen zu vereinheitlichen. An der Stelle gibt es Parallelentwicklungen ohne Ende.

Bei Rüstungsprojekten wie Marine-Versorgern für Treibstoff und Munition sowie taktischen Aufklärungsdrohnen ist das Aufgabenfeld klar. Ein gemeinsamer Nenner wäre viel einfacher zu finden, als bei dem High-Tech-Projekt “Kampfflugzeug”. Für dessen Umsetzung gibt es zudem eine weitere Hürde. In der Rüstungsindustrie wird es intensive Verteilungskämpfe geben: Hier stehen sich Airbus und Dassault Aviation gegenüber. Der Airbus-Konzern, an dem auch Frankreich beteiligt ist, entwickelt das deutsche Future Combat Air System und baut u.a. den Eurofighter der Bundeswehr. Der französische Luftfahrtkonzern Dassault Aviation kooperiert bei der Drohnenentwicklung mit Grossbritannien und produziert den Rafale-Jet. Das Kampfflugzeug bildet das Rückgrat der französischen Luftwaffe. Nur diese beiden Konzerne wären in der Lage, ein Mega-Projekt wie den Bau eines Kampfjets der 6. Generation umzusetzen. Das Interesse der Unternehmen ist zweifellos da, denn ein Auftrag würde über Jahrzehnte Milliarden in die Kassen spülen.

Hinderlich könnte allerdings sein, dass es zwischen Frankreich und Deutschland keine gemeinsame Linie bei Exportfragen von Rüstungsgütern gibt. Auch vor diesem Hintergrund ist noch völlig unklar, ob das Rüstungsprojekt eines europäischen High-Tech-Kampfjets unter deutsch-französischer Führung Gestalt annimmt oder wegen seiner zahlreichen Hürden letztlich doch nicht umgesetzt wird.

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