Ist Ägyptens Instabilität eine Gefahr für den Suezkanal?

von Niklas Anzinger (English version), Graduate Assistant an der Maxwell School of Citizenship and Public Affairs in Syracuse.

Angriffe auf den Suezkanal, fatal in einer zentralen Passage für den Welthandel zur See, waren bisher nur eine rein theoretische Möglichkeit. Das änderte sich mit dem Angriff auf die “Cosco Asia” am 31. August 2013. Der Angriff ist eine Folge der politischen Instabilität in Ägypten, aufgrund dessen die Sinai-Halbinsel zu einer rechtsfreien Zone für Dschihadisten und Beduinenmilizen wurde. Das ägyptische Militär reagierte mit einer brutalen Antiterrorkampagne im Norden Sinais. Aber reine Militärmaßnahmen könnten sich als unzureichend herausstellen.

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A U.S. Navy Sikorsky RH-53D of helicopter mine countermeasures squadron HM-12 Sea Dragons sweeping the Suez Canal using an Mk 105 minesweeping gear during “Operation Nimbus Moon” in 1974. Source: U.S. Navy Naval Aviation News September 1974

Aufgrund seiner strategischen Bedeutung, offensichtlich in der Suez-Krise 1956 und der Schließung von 1967 bis 1975 während der arabisch-israelischen Kriege, ist der Kanal einer der am stärksten militarisierten Zonen der Welt. Die Passage des Roten Meeres, den Suezkanal und die Bab el-Mandebstraße zusammengenommen, ist der zweitwichtigste Wasserweg für den globalen Ölhandel, nach der Straße von Hormus. Eine Blockade des Suezkanals könnte verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben, wie mein Kollege Felix Seidler beschreibt. Die seit 1869 bestehende, von den Briten künstlich angelegte Meerespassage wird von einem weitreichenden Sicherheitssystem kontrolliert. Dieses System, von der Suez Canal Authority unterhalten, umfasst Schiffsdatenregistrierung, Signalstationen für ein automatisches Identifikationssystem, Radar- und Kameraüberwachung. Die Streitkräfte Ägyptens sind mit bis zu fünf Divisionen stationiert um die Bereiche von Port Said am Mittelmeer bis Ismailia am Roten Meer zu kontrollieren.

Angriff auf den Kanal
Doch der Angriff einer militanten Gruppe auf die “Cosco Asia” offenbarte seine Schwachstelle – die geographische Ausdehnung über 190km, die schwer umfassend zu kontrollieren ist. Seine engen, oft nur wenige hundert Meter langen Passagen, erlauben daher Angriffe von Land aus. Am 31. August 2013 übernahm eine Gruppe, die sich selbst als “Al-Furqan Brigade” bezeichnete, die Verantwortung für einen Panzerfaust-Angriff auf die “Cosco Asia”, ein Containerschiff in chinesischem Besitz unter panamaischer Flagge, mit 10.000t Fracht auf dem Weg nach Nordeuropa. Eine im Grunde harmlose Attacke. Das Geschoss traf lediglich einen Container, der eine illegale Zigarettenlieferung eines irischen Schmugglerrings enthielt. Wenn solche Gruppen ein Schiff in einem schmalen Durchgang des Kanals versenken, wären die Behörden gezwungen den Kanalverkehr zu stoppen und das Schiff zu bergen. Ein Zwischenfall dieser Größenordnung scheint allerdings in weiter Ferne, da solche Schiffe robust sind und einen Großeinsatz erfordern würden, um sie zum Sinken zu bringen. Aufgrund des umfassenden Überwachungssystems in der Kanalzone können ägyptische Sicherheitskräfte schnell auf besondere Vorfälle reagieren. Größere Operationen sind daher für Terrorgruppen kaum durchführbar.

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Quelle: The Economist

Ägyptens Sinai-Problem
Ein Angriff auf den Suezkanal könnte eine verheerende Störung des maritimen Handels verursachen. Es ist weniger die reale Gefahr, als die schiere Möglichkeit solcher Angriffe, die Nervosität unter den ägyptischen Behörden und dem internationalen Schiffshandel auslöst. Es gibt gute Gründe auch in Zukunft nervös zu sein. Nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak am 11. Februar 2011 wurde Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft als Präsident von Ägypten am 30. Juni 2012 gewählt; Mursi wiederum am 3. Juli 2013 seines Amtes enthoben. In Ägypten nach Mubarak ist die Verfassung umstritten, das militärische Establishment dominiert nach wie vor und Islamisten konfrontieren zunehmend die Staatsautorität. Ägyptens Sicherheitspolitik im Sinai wird immer mehr zur zentralen Herausforderung. Am 17. Juli 2013, veröffentlichte Associated Press einen Artikel, basierend auf einer Reihe von Interviews mit Verteidigungs-, Sicherheits-und Geheimdienstquellen: Mursi beförderte General Abdel Fattah el-Sissi, vom Chef des militärischen Geheimdienstes zum Verteidigungsminister und Chef der Streitkräfte im August 2012. Mursi und el-Sissi waren jedoch seit Monaten uneins, wie die landesweiten Demonstrationen Griff zu bekommen seien. Laut einem ehemaligen General war die Sicherheitssituation im Sinai über Monate hinweg der Kernstreitpunkt. Nach Militärquellen, aber auch führenden islamistischen Figuren, die Gewalt als Taktik ablehnen, arbeitete Mursi mit bewaffneten extremistischen Gruppen im Sinai zusammen. El-Sissi sah die Gefahr, dass die Unsicherheit im Sinai Ägyptens Staatssicherheit gefährdete und beendete daher Mursis Präsidentschaft.

Die Sinai-Unterwelt: Menschen-, Drogen- und Waffenhandel
Die 61.000km²-große Halbinsel ist seit dem Friedensvertrag von 1979 eine Pufferzone zwischen Israel und Ägypten, in der nur limitierte militärische Kräfte operieren dürfen, unter Aufsicht von multinationalen Streitkräften (MFO). Die Bevölkerung von rund 400.000 umfasst Beduinen (70 Prozent), Palästinensern (10), ägyptische Einwanderer (10) und Nachfahren von Siedlern aus der osmanischen Zeit (10). Ägypten hat den Sinai und seine Einwohner, oft ohne ägyptische Staatsbürgerschaft, die meiste Zeit vernachlässigt und hielt Investitionen und militärische Präsenz niedrig. Die ägyptische Armee unterhielt nie mehr als 70-80 Prozent der nach dem Camp-David-Abkommen zugelassenen 22.000 Soldaten in Zone A im westlichen Sinai, eröffnete ein Hauptquartier oder trainierte Truppen für Wüstenkampf. Nach Mubaraks Sturz erfuhren dschihadistische Gruppen einen Aufschwung, unterstützt von zunehmend unzufriedenen Beduinen. Die tribalistischen Sinai-Beduinen, lange marginalisiert, entwickelten sich zu einem halbautonomen Akteur. Ägypten konnte die Sinai-Halbinsel nicht mehr vernachlässigen, angesichts der Zunahme der terroristischen Aktivitäten der Hamas, Palästinensischer Islamischer Jihad, Al-Qaida oder Beduinen, die sich salafistischen Dschihadisten anschlossen. Diese Aktivitäten, vor allem im Norden Sinais zwischen Rafah und el-Arisch, umfassend Waffenhandel, kommend aus dem Iran über Algerien, Sudan und Libyen, in den und aus dem Gazastreifen über ein verzweigtes Tunnelnetzwerk. Menschen- und Drogenhandel kamen hinzu, sodass eine 300 Millionen Dollar-schwere Schattenwirtschaft entstand. Basierend auf lokalen Quellen sind mehr als 100.000 Waffen aller Art im Umlauf – Raketen, Mörser, Bombenbauwerkstätten und Munitionsdepots, über die Halbinsel verstreut.

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Militants in Egypt’s Sinai Peninsula bombed a gas pipeline to Jordan on July 6, 2013 witnesses said, amid a surge in attacks on police and soldiers since Islamist president Mohamed Morsi’s removal from office. (Source: AFP)

 
Aufstand und offene Konfrontation der Staatsautorität
Nach Mubaraks Sturz erlebte der Sinai einen Quasi-Aufstand mit mehr als 200 Angriffen in fünf Monaten, einschließlich Raketenangriffen auf militärische Ziele und Gaspipelines sowie bewaffnete Überfälle, von Kraftfahrzeugen und Motorrädern aus. Ägyptens Militär startete Operation Eagle im August 2011 in zunehmende Gesetzlosigkeit im Sinai zu adressieren. Zwischen dem 1. und 28. Juli 2013, nahm die Gewalt ihren Höhepunkt an. Als Reaktion startete das Militär Operation Desert Storm am 27. Juli, mit 20.000 Soldaten unterstützt von US-gelieferten Apache-Kampfhubschraubern – Ägyptens größte Mobilisierung seit dem Jom Kippur-Krieg 1973. Ägyptische Sicherheitskräfte töteten und verhafteten Militante aus Libyen, den palästinensischen Gebieten, dem Nordkaukasus, Saudi-Arabien, Syrien und Jemen. Im Juli wurden 250 Angriffe auf der Halbinsel berichtet. Am 19. August 2013 wurden 25 ägyptische Polizisten in einem Hinterhalt in Rafah getötet. Die Angreifer feuerten mit Panzerfäusten auf den Konvoi um ihn zu stoppen, entfernten und exekutierten die Passagiere anschließend auf offener Straße. Die Häufigkeit der Angriffe sank jedoch in den folgenden Monaten im Zuge der Antiterrorkampagne. Die Einwohner des Sinais indessen beklagen sich über willkürliche Zerstörung ihrer Häuser, die enorme Brutalität im Vorgehen der ägyptischen Armee gegen Verdächtige und ihre gesellschaftliche Stigmatisierung als „Terroristen.“ Viele jüngere Beduinen haben sich dschihadistischen Gruppen angeschlossen; nun sind Al-Qaida, die Hamas und viele andere in offenerer Konfrontation mit dem ägyptischen Staat, mit zunehmender Unterstützung der lokalen Bevölkerung, dessen Vertrauen den Staat immer mehr abnimmt. Im Gegenteil werden die Bombardements gegen die Tunnel nach Gaza weitere ökonomische Einbußen nach sich ziehen und die Bevölkerung noch mehr ihrer Lebensgrundlage berauben.

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Egyptian military helicopters on September 3, 2013 launched air strikes on militants in the country’s restive Sinai peninsula, where the army has been battling a semi-insurgency, security sources and witnesses said. Source: www.devanture.net

 
Ägyptens kommender Kollaps?
Die ägyptische Antiterrorkampagne schien Erfolg zu haben. Aber die Umstände für eine intensivere Konfrontation mit dem ägyptischen Staat, Unruhen und terroristische Attacken, gegen Zivilisten, Militärziele oder den Suezkanal bleiben bestehen. Die Auseinandersetzung könnte noch intensiver werden, seit hohe Al-Qaida Veteranen zum Kampf gegen die ägyptische Armee aufgerufen haben. Die Welle der Gewalt könnte immer mehr ins Landesinnere schwappen, wo die Armee bereits auf der Kairo-Suez Route IEDs gefunden hat, die nach Einschätzung von Jane´s Intelligence Weekly aus dem Nordsinai kamen. Nach dem Sturz des geschassten ägyptische Präsidenten Mohammed Mursi fanden regelmäßig Proteste in den Suez-Kanal Hafenstädten, Suez, Ismailia und Port Said sowie Angriffe auf militärische Hauptquartiere und Soldaten statt. Lloyd‘s List, eine Versicherung für internationale Schifffahrt, berichtete von erhöhter militärischer Aktivität und Schiffskontrollen im Kanal. Llyod‘s empfahl Schiffen gegebenenfalls die 9600km längere Route um das Kap der Guten Hoffnung zu nehmen und erwarb eine alternative Betriebsbasis für private maritime Sicherheitsunternehmen in Port Sudan für den Fall einer Schließung von Port Suez. Die Terrorwelle könnte erst der Anfang sein. Wenn die Sicherheitslage in Ägypten sich nicht beruhigt wird die Suezkanalpassage in Zukunft als zunehmend gefährlich gesehen werden, vor allem zu Lasten der ägyptischen Wirtschaft. Es  ist nicht ausgeschlossen, dass die Nordseeroute dadurch in Zukunft attraktiver für die internationale Schifffahrt wird.

 
Quellen

 

About Niklas Anzinger

Niklas Anzinger hat an der Universität Bayreuth Philosophy & Economics (B.A.) studiert. Er studiert derzeit International Security & Development an der Maxwell School in Syracuse, New York.
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4 Responses to Ist Ägyptens Instabilität eine Gefahr für den Suezkanal?

  1. Vielen Dank für die wertvolle Information zur Lage am Suezkanal.

  2. The attack on Cosco Asia on 31 August 2013 – quite unimpressive:

  3. Some journalists indicated that Al-Furqan Brigade carried out a second attack with RPGs on a ship passing through the Suez Canal in the night of July 29, 2013. This is not confirmed. A video purportedly released by the group showed an Al-Furqan Brigades militant launching what appeared to be a rocket at a ship, under the cover of darkness. But details about the July 29 attack are limited. The Egyptian army couldn’t find anything suspicious.

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